Das erste Mal wanderte der Stadtverein in den 1970er Jahren „ins Schaufenster“, um mit den Stadtbewohnern in Kontakt zu treten – damals zum Zwecke der „Ortsbild- und Landschaftspflege“. Die Themen waren heikel: Es drehte sich alles ums Aufräumen und überall wurden die „Geheimecken“ ausgeleuchtet. In diesem Zusammenhang überliefern sich in den Akten des Stadtvereins auch so manche Aufregungen … Das anschließende öffentliche Lob beruhigte jedoch die Gemüter wieder.
Diesmal kann sich der Stadtverein zurücklehnen: keinerlei Anlass für Ärgernisse … Denn inzwischen widmet man sich vorwiegend der Stadtgeschichte und der Betreuung des seit 2015 in Betrieb genommenen Stadtarchivs und engagiert sich nun auch mit Schaufenstern für ein „lebendiges Archiv“. Bereits letztes Jahr liefen die Vorbereitungen im Stadtarchiv, um nach dem Umbau des „Klebermass-Hauses“ die beiden Schaufenster im linken Stadttor-Durchgang zur Bespielung zu übernehmen.

Kurz vor Ostern wurde nun das erste von zwei Schaufenstern in Betrieb genommen. Es ist geplant, das Motto der vorwiegend aus dem Bilderarchiv ausgewählten Objekte in regelmäßigen Abständen zu wechseln. Das größere von zwei Fenstern widmet sich dem Thema „Gmünd vor hundert Jahren“.
Auch einem bereits gut Bewanderten in der Stadtgeschichte eröffnet sich dadurch ein völlig neuer Rundblick ins Gmünd der 1920er Jahre: Im Dezember 1925 fiel zum Beispiel die Entscheidung des Erbberechtigten Urban, das Fideikommiss der Familie Lodron als Erbe anzunehmen. Im selben Jahr hatte zuvor Dechant und Pfarrer Broll bereits die Pfarre Gmünd übernommen. Und 1926 legte der Nationalratsabgeordnete Karl Irsa sein Mandat in Wien zurück und erschien fortan in Gmünd als Generalbevollmächtigter der Forstwirtschaftsbetriebe des Lodron’schen Fideikommisses. Daraufhin folgten die letzten Jahre, in denen die Familie Lodron in ihrem Schloss auf dem Hauptplatz residierte und die großen Waldbesitzungen ihres Primogenitur-Fideikommisses forstwirtschaftlich betreuen ließ (1926 bis 1932).
Die Zeiten hatten sich für die Familie Lodron grundlegend geändert – vor allem war Konkurrenz für den Großgrundbesitzer aufgetaucht: Die Berliner Holzgroßindustrie Willi Meineke befand sich damals im Rechtsstreit mit dem Fideikommiss. Dies führte zur einstweiligen Schließung der beiden Sägebetriebe Karnerau als auch Kreuzbichl, was zu hohen Verlusten für den Lodron-Forstbetrieb führte. Das Schaufenster zeigt auch den Lageplan der Karnerau aus 1929, der noch die Anlage mehrerer Flussarme der Malta zeigt, wo mit vier Vollgatter-Sägen und einem Holzrechen an die einstige Forstwirtschaft mit ihrer Holzschwemmanlage in der Malta erinnert wird.
Nach wie vor pflegten die Stadtbewohner ihr reges kulturelles Leben im „gräflich Lodron’schen Burgtheater“ – ein heute schon beinahe vergessenes „Streichorchester Gmünd“ präsentierte dort noch 1927 das „Kärntnerische Totentanzspiel“. Aus Platzgründen und als Draufgabe wird die Erinnerung an den „Musikverein Gmünd in Kärnten“ hiermit auf die Webseite verlegt.


1927 gründete die Stadt Gmünd ihr Elektrizitätsunternehmen, 375 Masten von jeweils 11,5 m Höhe baute man zwischen dem Katschberg und Gmünd. Unter Bürgermeister Dr. Franz Gassmayr wurde der erste Trafo in Oberkreuschlach errichtet – ebenfalls im Jahre 1927. Der umtriebige Realitätenbesitzer Karl Lax und Betreiber eines Gasthauses stand in der Blüte seiner Jahre (1888–1974). Pfarrer Broll beschäftigte sich mit den kirchlichen Archiven Gmünds und begann für seine drei Bände „Aus Gmünds vergangenen Tagen“ zu sammeln – eine Leidenschaft, die auf den späteren Chronisten und Gründer des Gmünder Heimatmuseums, Schuldirektor Lax, offensichtlich ansteckend wirkte. Es überliefert sich ein Karten-Stammtisch, an dem neben Stadtpersönlichkeiten sowohl „der Graf“ als auch Pfarrer Broll teilnahmen.
Die Gebrüder Moser widmeten sich dem ersten privaten Verkehrsunternehmen – der staatliche Postwagenverkehr zwischen Spittal und dem Lungau startete 1925. Am Hauptplatz betrieb Peter Tivan eine Tankstelle: die „Sphinx-Pumpe“, die es im Schaufenster ebenfalls zu entdecken gibt. Zuletzt überliefern sich fünf solcher Zapfsäulen in der Stadtmitte. Dementsprechend wuchs der Lärm: Die Begegnung eines Gmünder Polizisten mit einem Motorradfahrer aus Wien lässt schmunzeln. Schauen Sie selbst!
